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Die vergessenen Menschen des Mago-Tals: Äthiopien

Abseits der bekannten Touristenpfade Äthiopiens, tief im Süden des Landes, wo der Mago-Fluss träge durch eine von Dornbüschen und Savannen geprägte Landschaft fließt, lebt ein Volk, über das kaum jemand spricht: die Bodi. Sie sind Nachbarn der berühmten Mursi, deren Lippenteller weltweit bekannt sind – doch während die Mursi oft vor Kameras posieren, zieht das Bodi-Volk die Stille und das Leben im Schatten der modernen Welt vor.



Ein Leben mit dem Vieh

Für die Bodi ist das Rind weit mehr als ein Nutztier. Es ist Lebensgrundlage, Reichtum, Identität und spirituelle Verbindung zur Erde. Jeder Mann kennt jedes einzelne seiner Tiere – ihre Farbe, ihr Temperament, ja sogar ihre Stimmung. Vieh wird nicht einfach gezählt, es wird beschrieben, besungen und gefeiert.

Das Blut und die Milch ihrer Herden sind die Hauptnahrungsquelle. Besonders in Trockenzeiten zapfen sie ihren Kühen vorsichtig Blut ab, mischen es mit Milch und trinken diese Mischung als heilige Speise. Für Außenstehende mag das archaisch wirken – für die Bodi ist es ein Zeichen des Respekts gegenüber den Tieren, die sie ernähren.


Die Zeit des Fettfestivals

Einmal im Jahr verwandelt sich das sonst so ruhige Bodi-Dorf in eine Bühne für eines der eigenartigsten Rituale Afrikas: das Ka’el-Fest, auch bekannt als das „Fettfestival“.

Junge Männer werden ausgewählt, um in den folgenden sechs Monaten zu Fettkriegern zu werden. Während dieser Zeit dürfen sie ihre Hütten nicht verlassen, keine körperliche Arbeit verrichten und erhalten eine spezielle Diät aus Blut und Milch. Ziel ist es, möglichst viel Gewicht zuzulegen – nicht aus Eitelkeit, sondern um Stärke, Wohlstand und Lebensfähigkeit zu symbolisieren.

Wenn das Fest beginnt, treten die Männer, nackt und bemalt, mit ihren gewaltigen Körpern in einem rituellen Wettkampf gegeneinander an. Der Sieger wird als Held gefeiert, nicht wegen seiner Kampfkraft, sondern wegen seiner Hingabe an die Tradition.


Zeichen auf der Haut – Geschichten im Körper

Narben schmücken die Körper vieler Bodi. Sie sind Zeichen von Mut, Schmerz und Schönheit zugleich. Jede Linie, jede erhobene Wunde erzählt eine Geschichte – von bestandenen Prüfungen, verlorenen Freunden oder überstandenen Jagden.

Die Körperkunst der Bodi ist kein modischer Ausdruck, sondern eine Form von Erinnerung, die mit der Haut verschmilzt.



Abgeschottet, aber lebendig

Die Region, in der die Bodi leben, ist schwer zugänglich. Wenige Straßen, kaum Infrastruktur, keine Hotels. Nur vereinzelt schaffen es Forscher oder Fotografen hierher. Vielleicht ist das der Grund, warum ihre Kultur überlebt hat – unberührt von der Hast der Moderne.

Während die Welt um sie herum von Smartphones, Straßen und Satelliten geprägt ist, leben die Bodi in einem Rhythmus, der älter ist als die Staaten, die sie umgeben.


Warum die Bodi uns etwas lehren können

Die Geschichte der Bodi ist nicht nur exotisch – sie ist eine stille Erinnerung daran, dass Fortschritt nicht überall gleich aussieht.In einer Zeit, in der wir oft von Schnelligkeit, Leistung und Konsum bestimmt sind, zeigt das Bodi-Volk, dass Stärke auch in Langsamkeit, Ritual und Naturverbundenheit liegen kann.

Vielleicht ist genau das ihr größter Schatz: eine Kultur, die nichts beweisen muss, weil sie einfach ist.


 
 
 

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